Lenin Peak Brevet

Magnus, unser Klubmitglied für die extremen Distanzen, hat sich im Juli in Richtung Kirgisistan aufgemacht, um beim Lenin Peak Brevet zu starten. Dabei sind mal schlappe 1.200 km zu absolvieren. Und das bei Klimabedingungen, die den Sommer 2018 in Mitteleuropa noch mal locker getoppt haben. Da das Ganze auch erst einmal mental verarbeitet werden wollte, hat es mit dem Bericht dazu etwas Zeit gebraucht. Denn es gibt so Einiges zu berichten. Ich bediene mich daher mal bei einem aus meiner Sicht passenden Hinweis, den ein befreundeter Radsportler kürzlich in seinem Blog getätigt hat: “aufgepasst, der Text hat Länge, schnell noch die Türklingel abstellen, was zu Essen bereitstellen und nicht stören lassen”  (Dank Uller). Aber genug der Vorrede, lassen wir unseren Protagonisten zu Wort kommen:

Material:

Beim Lenin Peak Brevet gibt es keinen Gepäcktransport. Das bedeutet, dass man keine Möglichkeit hat z.B. einen Radkoffer ins Ziel transportieren zu lassen und sein Fahrrad so wieder mit zurück zu nehmen. Daher benötigte ich ein Rad, dass ich dort stehen lassen konnte.

Meine Endscheidung viel daher auf ein altes Faggin, dass ich für 25 € gekauft hatte und mit günstigem Nabendynamo, SQLap 610 Sattel, B&M Luxos Scheinwerfer und einer kompletten Shimano Sora Ausstattung komplettierte.

Hinten schweißte mir ein Kollege noch Aufnahmen für einen Gepäckträger an den Rahmen.

Alles im allem wog das Rad, inkl. zwei kleinen Ortlieb Front Roller Taschen und Gepäck für 10 Tage, 19 kg. Nicht gerade wenig, aber ich leistete mir auch den Luxus von Freizeitbekleidung für den Rückflug, inkl. Schuhe und Jacke.

Prolog: 

Ich stehe am Flughafen Almaty und mein Fahrradkarton kommt nicht. Nachdem alle Koffer vom Band sind, frage ich beim “Lost and Found” nach. Leider spricht keiner Englisch, darum muss ich etwas suchen bis mir jemand weiterhelfen kann und übersetzt. Es stellt sich heraus, dass mein Karton wohl noch am Flughafen in Istanbul hängen geblieben ist und mir am nächsten Tag ins Hostel geliefert werden soll. Wird knapp, aber passt, denke ich.

Ich gehe durch die Zollkontrolle und werde vom Hostel abgeholt. Nach 20 Minuten Fahrt ruft der Flughafen an, der Karton ist aufgetaucht!  Super, also umdrehen und auf Start zurück!

Ich bekomme einen komplett zerdrückten und zerrissenen Karton ausgehändigt, zum Glück sind noch meine Gepäcktaschen und alle Kleinteile im Karton.

Im Hostel angekommen, wird das Rad aufgebaut. Leider ist durch den rüden Transport das Schalt-werk verbogen und die Sattelklemmschraube fehlt. Eine kurze Suche ergibt einen Fahrradladen, der 3 km entfernt ist. Im Laden spricht, wie soll es ach anders sein, keiner Englisch. Aber mit Händen und Füßen bekomme ich meine fehlenden Teile und kann das Bike startklar machen.

Abends ein kurzer Anruf bei Alexeander, dem Organisator des Lenin Peak Brevets. Aber auch Alexander spricht kein Wort Englisch, dafür ein paar Brocken Deutsch, die er mal in der Schule gelernt hat. Eine Bekannte übersetzt und auf die Frage, wie viele denn starten, wird mir mitgeteilt, dass wir zu zweit sind. Hammer.

Hauptteil:

20 Uhr, wir stehen an einer großen 6-spurigen Stadtautobahn. Alex und zwei weitere Randonneure aus Kasachstan, die uns aus der Stadt begleiten wollen, warten am Startpunkt. Es gibt Tee und wir besprechen uns kurz. Ich hatte mir im Hostel einen Plan mit Höhenmetern und Checkpoints gemacht und bin auf eine Zielzeit von 5 Tagen gekommen. Alex hat dieselbe Planung und so beschließen wir erst einmal zusammen zu bleiben, auch weil ich sehr wenig Russisch spreche und das so Einiges für mich vereinfacht.

Um 21 Uhr geht‘s los, bei langsam untergehender Sonne drehen wir eine ca. 10 km lange Schleife durch die Stadt, bevor wir uns auf den Weg Richtung Stadtrand machen. An einer Tankstelle halten wir an, unsere beiden Begleiter erzählen kurz, dass vor 2 Jahren hier der Stadtrand war, jetzt aber alles 5 km weiter nach draußen gewandert ist.

Wir setzen unsere Fahrt fort und sind bald in totaler Dunkelheit unterwegs. 8 km vor der ersten offiziellen Stempelstelle hält Alex auf einmal an und fängt an zu telefonieren. Er erzählt, dass die Stempelstellen nicht Bescheid wissen, dass wir kommen und wir immer vorab nochmals informiert werden müssen bzw. erklärt werden muss, was im Stempelheft eingetragen werden soll.

An der Stempelstelle wartet eine Frau mit ihrem Sohn auf uns, überraschenderweise spricht sie extrem gut Deutsch und wir unterhalten uns kurz.

Weiter geht die Fahrt durch vereinzelte Dörfer in Kasachstan, Richtung kirgisischer Grenze. Nach einer größeren Pause am zweiten Checkpoint, an dem nebenbei bemerkt für 2 Uhr nachts im kasachischen Nirgendwo extrem viel los ist, geht langsam die Sonne auf und gibt den Blick frei auf eine gefühlt endlose Steppe mit kargen Bergen an der linken Seite der Straße.

 

Nach endlosen Kilometern auf einer schnurgeraden Straße biegen wir schließlich links ab und nähern uns dem ersten wirklichen Anstieg. 10km mit im Durchschnitt 12% Steigung in der prallen Sonne, die Konstellation sollte in den nächsten Tagen häufiger vorkommen.

Oben angekommen, geht es in einer endlosen Landschaft lange bergab, zum Grenzübergang Richtung Kirgisistan. Auf kasachischer Seite gibt es etwas Probleme, da ich auf meinem Reisepassfoto einen Plug im Ohr habe, diesen aber nicht mehr trage. Nach der Vergewisserung, dass ich wirklich Deutsch spreche, meinen Namen schreiben kann und mein Gepäck durchsucht wurde, kann ich aber weiter.

Auf kirgisischer Seite schaut alles etwas anders aus, nachdem 3 Grenzbeamte ca. 2 Minuten lauthals lachend ein YouTube Video mit lauter Technomusik geschaut haben, werden unsere Pässe kommentarlos abgestempelt und wir können weiter.

In der Zwischenzeit ist es Mittag geworden und die Temperaturen werden extrem heiß. Alex hat bei der Einfahrt nach Bishkek etwas Probleme und muss immer wieder Pause machen. Schließlich erreichen wir nach 270 km den ersten Übernachtungspunkt und fallen nach einer großen Portion Gemüseauflauf ins Bett.

Um 23 Uhr, es ist inzwischen deutlich abgekühlt, geht es weiter. Nach einer entspannten Fahrt durch die Stadt und einer darauffolgenden 20 km langen Baustelle ohne Straßenbelag, geht es nach 67 km in die nächste Kontrolle. Auf Anraten von Alex bestelle ich mir noch einmal etwas Vernünftiges zu essen und fülle alle Flaschen auf, ab jetzt beginnt ein ca. 90km langes Teilstück, das nur bergauf bis auf ca. 3200 m führt.

Anfänglich mit einer Steigung von ca. 2% sollte das Segment mit einer zum Schluss 20 km langen Rampe mit 10-12% Steigung enden.

Als ich ein Dorf durchquere, sehe ich ein Schild mit dem Hinweis das in 7 km eine Raststelle ist. Eine Flasche ist noch voll, also beschließe ich, dass ich im Dorf nicht mehr anhalte und an der Raststätte auftanke.

Nach passieren einer Mautstation, führt die Straße in ein schmales, sehr unbewohntes Tal und ich bekomme Zweifel, ob hier wirklich noch eine Möglichkeit zum Getränke nachkaufen besteht. Leider sollten sich die Zweifel bestätigen und bei wärmer werdenden Temperaturen bleibt nichts anderes übrig als aus dem Gebirgsbach Wasser zu nehmen.

 

Kurz vor Beginn des letzten steilen Stückes warte ich noch einmal auf Alex und wir machen eine letzte große Pause.

Von nun an geht es steil bergauf, ich fuhr immer einen Kilometer und machte dann eine Pause mit trinken und Puls runterkommen lassen (dauert in der Höhe etwas).

Nach 10 km Anstieg tauchen in einer Kurve ein paar Nomadenzelte auf, an denen man Trinken und eine Kleinigkeit zu essen kaufen konnte. Nach einer Pause geht‘s die letzten 10 km hoch auf den Pass, die Straße endet an einem alten, sehr abenteuerlich aussehenden Tunnel.

Hier war es ein Glück, dass ich mich an Alex gehalten habe, da er mit den Leuten am Tunnel quatschte und diese den Verkehr von beiden Seiten sperrten. Zum Glück, denn der Tunnel war einspurig, sehr schwach beleuchtet und mit Betonplatten ausgelegt, die irgendwie dreidimensional verlegt waren. Nach 2500 m waren wir auf der anderen Seite des Berges und es eröffnete sich eine gigantische Aussicht über eine weite Hochebene.

Nach einer 10 km langen Abfahrt und dem ersten Kontakt mit geschmolzenem Asphalt, kamen wir am Checkpoint an und wir konnten den nächsten Stempel, Essen und vor allem Schlaf verbuchen.

Am nächsten Morgen ging es früh los: um 6 Uhr quälte ich mir ein kaltes Spiegelei in den Magen, da die Küche noch geschlossen hatte. Um 6:30 saßen wir auf dem Rad und es ging durch eine endlose Hochebene vorbei an Nomadendörfern immer leicht ansteigend weiter.

Am Ende sollte wieder ein steileres Segment kommen, das schließlich auf dem 3175 m hohen Ala-Bel Pass enden sollte. Auf dem Weg dahin entwickelte ich eine leichte Aggression gegen ein bestimmtes LKW Model, das seinen Auspuff auf der rechten Seite in Kopfhöhe hatte und mit einer Untersetzung in Schrittgeschwindigkeit neben einem die Berge hochfuhr. Der Lärm war so laut, dass man jedes Mal anhalten und warten musste, bis der Lkw 100 m vor einem war.

Vom Pass aus ging es in einer seehr langen Abfahrt Richtung nächstem Checkpoint. Auf dem Weg dahin ging es auf dem 30 Jahre altem Stahlrenner etwas wackelig den Berg hinunter, auch die 30 € günstig Bremsen kamen erstaunlich schnell an ihre Belastungsgrenze (:D).

Die Landschaft veränderte sich von einer endlosen Steppe in ein schroffes Tal und gab schließlich den Blick auf einen großen See frei.

Vorher gab es am Checkpoint noch eine große Portion Nudeln und Tee.

Gegen 15 Uhr machten wir uns auf den Weg zum Schlafplatz. Das Segment sollte 70 km haben, darum war ich erstmal guter Dinge, dass wir gegen 18 Uhr ankommen würden. Leider machten die Hitze und steile, kurze Anstiege dem Plan einen Strich durch die Rechnung. Das Thermometer zeigte Temperaturen von über 40 Grad an und Schatten war Mangelware.

18 km vor dem Ziel hatte ich zum ersten Mal ernsthafte Probleme mit den Temperaturen und musste mich in den Schatten legen. Nach 20 Minuten Pause war ich soweit runtergekühlt, dass ich weiterfahren konnte und auch die Sonne ging langsam unter, sodass es auf den Straßen wieder schattige Teile gab. Im Hotel gab es eine eiskalte Sprite und Pilmeni.

 

Der nächste Tag begann direkt am Fuß eines langen Anstieges. Wenn ich Alex richtig verstanden habe sollte, sollte es 10 km bergauf gehen und dann wellig bis zum Tagesziel bergab gehen. Oben am Berg wartete ich und traf eine Radreisende aus Großbritannien, wir kamen ins Gespräch und sie erzählte mir, dass sie aus Osh kommt, aber teilweise trampen musste, da die Temperaturen teilweise unerträglich waren. Fuck dachte ich….

Auf dem Weg nach unten wurde es immer wärmer und nach 20 km erreichten wir den welligen Part. Dieser schlängelte sich an einem Stausee entlang und bestand aus kurzen, aber endlosen 12% hoch – 12% runter Passagen.

Der ständige Belastungswechsel gepaart mit keinem einzigen Flecken Schatten (die Sonne kam direkt von oben) und den Temperaturen von über 50 Grad ließen mich nun echt an meine Grenzen kommen. Immer wieder legte ich mich in Gebirgsbäche aber nach 1-2 km waren selbst die Schuhe wieder trocken und die Luft, die man ausatmete, war kühler als die Umgebungsluft, wirklich wie in der Sauna.

Nach einer längeren, auf Grund der hohen Temperaturen unangenehmen Abfahrt, konnte ich einfach nicht mehr und hatte eigentlich beschlossen ein Auto anzuhalten und per Anhalter Richtung Ziel zu fahren.

Nach einer Pause und dem langen Zureden von Alex, konnte ich doch noch den Weg bis zum Checkpoint fahren, im Schritttempo und Schlangenlinien fahrend, immer an seinem Hinterrad bleibend. Wir beschlossen ein paar Stunden zu schlafen und die Fahrt in der Nacht fortzusetzen.

Es war perfekt! Ohne Sonne und mit einer angenehmen Brise fuhren wir bei 34 Grad an der usbekischen Grenze bis zur 70 km weiter gelegen Stempelstelle. Zum Vergleich: 60km am Tag: 7h, 70km in der Nacht 3h.

An der Kontrollstelle wurden wir herzlich empfangen und nach einer Portion Omelett ging es ins Bett. 

Leider war Alex‘ Plan morgens um 11 Uhr  weiter zu fahren, was mich etwas verwunderte, da die Sonne schon wieder mächtig am brennen war. Vorher gab es ein extrem leckeres Frühstück mit frisch gebackenem Brot aus dem Lehmofen und frischen Aprikosen, Tomaten und ein paar anderen Früchten.

Auf der Straße war die Hölle los, die Straße wurde schmaler und schlechter, gleichzeitig merkte man die 150 km entfernte Zielstadt Osh schon am Verkehrsaufkommen.

Nach 10 km zwangen uns die hohen Temperaturen wieder zu einer längeren Pause, denn bei mir stellten sich wieder die Probleme des Vortages ein und zwangen immer wieder zum Anhalten. Irgendwann tauchte ein Baggersee auf an dem wir eine dreistündige Pause einlegten, um wenigstens etwas aus der Sonne zu kommen.

An der vorletzten Stempelstelle tankten wir gegen 17 Uhr nochmal alle Speicher auf und schliefen noch einmal 2 h bevor es in der Nacht den wirklich letzten langen Anstieg hoch ging. Die Temperaturen fielen langsam und es viel leichter Regen (herrlich).

Das Ziel vor Augen gab ich ordentlich Gas und musste immer wieder länger auf Alex warten. Erstaunlicherweise kam er auf die Idee 60 km vor dem Ziel nochmals eine größere Essenspause einlegen zu wollen und so hielten wir an einer kleinen Bar und orderten Tee und eine Kleinigkeit zu essen. Nach den heißen Temperaturen am Tag hatte ich eigentlich nur Lust auf einen Salat, Alex und der Wirt diskutierten eine Weile und am Ende bekam ich eine Riesenportion Lammfleisch mit ein paar Streifen Gemüse.

Ich aß das Gemüse und zwang mir 2 kleine Stücke Fleisch runter (ich hab bestimmt 10 Jahre kein Fleisch mehr gegessen).

Die Reaktion sollte nicht lange auf sich warten lassen. Mit harten Bauchkrämpfen übergab ich mich am nächsten Anstieg und war erst einmal etwas erledigt.

Der Weg vom Restaurant nach Osh führte über zwei kleine Wellen immer bergab auf einer perfekt asphaltierten Straße, so dass wir die letzten 60 km in etwas über zwei Stunden meistern konnten. Um 2 Uhr nachts erreichten wir das Ziel in Osh.

Nach kurzem Einchecken und etwas quatschen mit Alex ging es ins Bett. Endlich ausschlafen, kein Radfahren mehr bei extremen Temperaturen, keine Lkw mit Auspuff auf Kopfhöhe…

 

Epilog

In Osh sind es noch zwei Tage bis zum Abflug, den ersten Tag verbringen wir mit ausschlafen, entspannen und vor allem essen. Im Restaurant bestelle ich einen großen Salat, habe aber ein ungutes Gefühl als Alex wieder mit der Bedienung diskutiert. Und siehe da: ich bekomme wieder einen Haufen Fleisch, diesmal mit Pommes. Alex grinst und meint: „Das hast du doch neulich nicht geschafft, musst du mal essen, ist lecker“ …. Oh man…

An Tag zwei geht es auf den Suleiman-Berg, der Stadtberg von Osh, von oben hat man eine gigantische Aussicht über die Stadt und das Umland.

Abends gehen wir zu einem Treffen der Interessengemeinschaft Fahrrad in Osh, diese haben sich zum Ziel gesetzt Radfahren in Kirgisistan populärer zu machen und bieten regelmäßig Touren an und planen in der Zukunft einen Fahrradverleih.

Abends geht es mit dem Taxi zum Flughaften, an meinem Rad habe ich Sattel, Scheinwerfer und Pedale abgebaut und den Rest stehen gelassen.

Es war eine Grenzerfahrung, teilweise 55 Grad, geschmolzener Asphalt und eine Menge Höhenmeter haben mich sowohl physisch als auch physisch an die Grenzen gebracht, um Alex zu zitieren: “ Paris-Brest-Paris ist ein Kindergarten“. Stimmt. 

Defekte:

Keinen Platten! Dafür aber ein paar Kleinigkeiten: an einem langen Anstieg im Wiegetritt riss die Konusmutter des Shimano 600 Steuersatzes, so musste ich alle paar Kilometer mit der Hand nachziehen. Die Kettenblätter waren etwas verbogen und zum Schluss machte der alte Alulenker so derart gruselige Knarzgeräusche, dass ich mich nicht mehr traute Volllast reinzutreten.

 

Text und Bilder: Magnus Fischer

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