Brot und Spiele

… ist zwar nicht das offizielle Motto des Kellerwald-Bikemarathons in Gilserberg, Nordhessen, beschreibt aber ganz gut aber zwei besondere Merkmale dieses Frühjahrsklassikers, der am 22. April bereits zum 21. Mal ausgetragen wurde.

In Nordhessen ist man stolz auf regionale kulinarische Spezialitäten, die im traditionellen Handwerk erzeugt werden, z.B. die bekannte „Ahle Wurscht“. Die schmeckt natürlich am besten auf einem guten herzhaften Brot, wie es vom Sponsor Schwälmer Brotladen gebacken wird. Und davon gibt es erstmal beim Zieleinlauf für Jeden einen kleinen Laib direkt in die Hand. Bei insgesamt gut 600 Finishern haben die fleissigen Helfer vom Organisationsteam da schon ganz gut zu tun. Weitere großzügige Broteinheiten sind dann für die auf dem Podium Platzierten vorgesehen. Zum Schluss tragen dann etliche Sportler kiloweise leckeres Brot nach Hause. Besser man kauft in der Woche vor dem Rennen kein Brot mehr ein …

 

Derartige Belohnungen erhalten hier erwachsene Menschen, die vorher ausgiebig im Dreck gespielt haben (komisch, früher gab’s nach dem Dreckigmachen eher Ärger). Und Gelegenheiten, sich richtig dreckig zu machen, gab’s reichlich. Schließlich ist die Spielidee des Kellerwald-Bikemarathons: Auf feinen Forstwegen bergauf um auf feinsten Trails bergab zu surfen. Langweilige Schotterabfahrten findet man auf diesem Spielplatz kaum vor. Und auf den Trails hatten sich trotz bestem Wetter mit schon fast sommerlichen Temperaturen einige Schlammsuhlen gehalten, um sich im Laufe des Rennens fein auf Mensch und Maschine zu verteilen. Auch fahrtechnisch boten sich dadurch interessante Herausforderungen. Das gab dem Spiel nochmal einen zusätzlichen Kitzel.

Um das alles auch ausgiebig geniessen zu können hatten Falk und ich die 80 km Strecke mit ca. 2000 hm gemeldet, d.h. 2 Runden auf der Strecke mit dem Profil eines Haifischgebisses. Der Anfang liess sich (noch) gut an mit Einrollen auf der Strasse. Da ich mir einiges vorgenommen hatte versuchte ich gleich an den schnelleren Leuten dranzubleiben, was auch erstmal gelang. Falk wollte es entspannter angehen und rollte derweil das Feld von weiter hinten auf. Nachdem wir dann ins Gelände abgebogen waren wurde in der ersten Runde so Berg um Berg erklommen und auf den Trails bergab richtig Gas gegeben. Da wir beide vorher auf die eher griffigen Reifen gesetzt hatten konnten uns auch die Matschlöcher nicht so richtig Angst einjagen, wenn Falk da nicht dieses deja vu Erlebnis gehabt hätte. Eingedenk seines Sturzes vom letzten Jahr konnte er es sich nicht verkneifen, in der gleichen Kurve nochmal die Grenzen der Reifenhaftung auszuloten was leider wieder mit keinem guten Ausgang belohnt wurde. Damit war die Motivation natürlich dahin und nach einem Besuch beim Sani auch die Zeit schon weit fortgeschritten. Alles was er jetzt noch tun konnte war das Rennen mit Anstand zu Ende zu bringen.

Mittlerweile hatte ich die erste Runde zufriedenstellend beendet, neue Vorräte gefasst und blickte dem Haifisch erneut ins Auge. Leider liess sich nun keine Gruppe mehr finden, die Einen waren zu schnell, die Anderen zu langsam und so fand ich mich am Anstieg bald alleine wieder. Zudem fingen nun die Muskeln im Oberschenkel an zu zwicken und Krämpfe drohten. Da ich mich auch sonst gar nicht mehr so frisch fühlte nahm ich zwangsläufig Tempo raus. Gefühlt kroch ich nur noch dahin und sah meine vermeintlichen Konkurrenten uneinholbar davonziehen. Die Abfahrten verschafften zwar etwas Erholung doch dann wartete schon der nächste Berg. In mir machte sich die Angst breit, den letzten Anstieg zum Schloßberg nicht mehr hochzukommen. Kurz davor schloß dann noch ein holländischer Fahrer zu mir auf, den ich vorher schon kennengelernt (und hinter mir gelassen) hatte. Sein Erscheinen wirkte Wunder, jetzt konnte ich wieder beissen. Obwohl er augenscheinlich noch mehr draufhatte als ich setzte ich alles daran, vor ihm oben anzukommen (was auch gelang) um es dann bergab in den nun folgenden Sahnetrails richtig fliegen zu lassen. Mein neues Race-Hardtail konnte hier seine Abfahrtsqualitäten so richtig ausspielen und er hatte trotz Fully Mühe mir zu folgen. Meine wiedergefundene Kraft reichte für die ganze letzte Strecke im Wald, erst als wir wenige Kilometer vor dem Ziel wieder aufs Feld kamen war es damit vorbei. Mit einem High Five liess ich ihn ziehen, diese Hatz mit dem Verfolger im Nacken hatte richtig Spass gemacht. Dann folgte nur noch Zieleinlauf und Brot. Und später noch mehr Brot, als ich dann auf dem Treppchen stand, und Wurst und Sekt und Reifen. Ganz so langsam war es dann wohl doch nicht gewesen.

Text: Thomas Reich

Bilder: Jan Kroupa (1), Kellerwald-Bikemarathon (2)

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